Donnerstag, 13. Juli 2017

"What is the enemy? - White supremacy!"

Vom naturalistischen Fehlschluß in naturwissenschaftsnahen politischen Erörterungen

Das Wichtigste in Kürze: Charles Murray (geb. 1943) (Wiki), Autor des Bestseller "Bell Curve" von 1994, in dem angeborene Intelligenzunterschiede zwischen aschkenasischen Juden, Ostasiaten, Europäern und Schwarzafrikaner behandelt werden in Bezug auf die soziale Schichtung in der mulitkulturellen Gesellschaft in den USA, sollte Anfang März an einer US-amerikanischen Elite-Universität, dem Middlebury College, einen Vortrag halten. Dieser wurde durch Studentenproteste verhindert. Die Vorfälle lösten in der amerikanischen Öffentlichkeit eine Erörterung aus darüber, was, wie, wo und warum rund um die von Charles Murray und andere aufgeworfenen Erkenntnisse der modernen Intelligenzforschung erörtert werden sollte. Ein wenig Fahrt aufgenommen hat die dortige öffentliche Erörterung der Fragen durch den Umstand, daß der bekannte Gotteswahn-Kritiker Sam Harris aus diesem Anlaß ein langes Interview mit Charles Murray führte. In Deutschland hat noch niemand (niemand!) auf diese aktuelle Erörterung in den USA hingewiesen, deshalb der folgende Blogbeitrag.

Der naturwissenschaftsnahe, rechtskonservative Thinktank "American Enterprise Institute" hat Studentengruppen an der einen oder anderen US-amerikanischen Universität. Nun gibt es das "Middlebury College" im US-Bundesstaat Vermont (Wiki) - gelegen etwa 300 Kilometer nördlich von Boston und 50 Kilometer südlich der kanadischen Grenze. Es gehört zu den Eliteuniversitäten der USA. Und dort hat eine solche Studentengruppe nun ein Mitglied des genannten Instituts, den schätzenswerten Autor Charles Murray (geb. 1943) (Wiki), gebeten, einen Vortag zu halten.

Von diesem Vortrag gibt es ein Video (1). Im Publikum ist aufgebrachte Stimmung, es läßt aber alle Vorredner von Charles Murray aussprechen. Als dann Charles Murray selbst an das Podium tritt, erhebt sich wohl etwa die Hälfte aller im Saal anwesenden Studierenden, kehrt ihm den Rücken zu und liest im Sprechchor einen Text ab. Am Schluß hämmert dieser Sprechchor sich selbst und den sonstigen Zuhörenden in oftmaliger Wiederholung den Satz ein: "What is the enemy? - White supremacy" (1; etwa ab Minute 23). Man fühlt sich an die Agitprop-Propaganda in kommunistischen Staaten erinnert. 

Und das ist natürlich ein hochgradig intellektuell differenzierter Debatten-Beitrag, würdig einer amerikanischen Elite-Universität.

Das Schlagwort "White supremacy" ist in Deutschland (noch) wenig gebräuchlich. Was mit ihm angesprochen sein soll, kann man auf Wikipedia nachlesen (Wiki). Es erfordert natürlich nur wenig intellektuellen Scharfsinn, sich klar zu machen, daß dieses Schlagwort den sogenannten "naturalistischen Fehlschluß" unterstellt, nämlich den vom Sein zum Sollen, also: Weil die aschkenasischen Juden angeborenermaßen das intelligenteste Volk der Erde sind, müssen sie auch über alle anderen Völker herrschen. Oder: Weil die Ostasiaten angeborenermaßen die zweit-intelligentesten Menschengruppe auf der Erde sind, müssen sie an der Herrschaft über alle anderen Völker mitbeteiligt werden. Oder: Weil die Weißen europäischer Herkunft angeborenermaßen die dritt-intelligenteste Menschengruppe sind - aber zugleich aufgrund der Geschichte die unverfrorenste von allen - muß sie über alle Völker herrschen. Oder: Weil die Schwarzafrikaner zu den angeborenermaßen weniger intelligenten Völkern gehören, müssen sie versklavt und beherrscht werden.

Das ist natürlich alles ganz und gar platt gedacht. Aber genau deshalb wird ja das Denken in solchen naturalistischen Fehlschlüssen von Religionsgesellschaften, Geheimgesellschaften, Geheimdiensten, Großbanken und sonstigen Hintergrundmächten seit gut hundert Jahren allerorten gefördert, wo es diesen dienlich erscheint, nämlich: um eine Beschäftigung mit den damit verbundenen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aus humanem Geist heraus von vornherein in der bestmöglichen Weise zu diskreditieren.

Jedenfalls: Der Vortrag von Charles Murray mußte abgebrochen werden und an anderem Ort durchgeführt werden. Dabei scheint es zu Rangeleien gekommen sein, wobei Menschen verletzt wurden (Wiki). Übrigens hat Charles Murray in früheren Jahren auch schon ganz unbeanstandet Vorträge an deutschen Universitäten gehalten. Sein Buch "Human Accomplishment" läßt einen tiefen Blick werfen in die Tatsache, daß über 90 % aller kulturellen Errungenschaften der Menschheit 1. von Europäern, 2. von Männern hervorgebracht worden sind. Mit diesen Forschungen kann man sich wissenschaftlich seriös auseinandersetzen. Aber das geht natürlich nicht in Sprechchören.

Sam Harris führt ein Interview mit Charles Murray


Jedenfalls hat der ganze Vorgang nun in den USA eine Erörterung des Themas Meinungsfreiheit ausgelöst. Mehr oder weniger entscheidend ist aber, daß auch der Gotteswahn-Kritiker Sam Harris (geb. 1967) diesen Vorfall zum Anlaß genommen hat, um am 23. April 2017 mit Charles Murray ein über zweistündiges Interview zu führen (2).

Und dies hinwiederum führte dazu, daß die Erörterung nun auch ihren Weg in den angesehenen US-amerikanischen "National Review" gefunden hat (3, 4). Dort befürworten in zwei Artikeln Hochschullehrer, daß es keine Rede- und Forschungstabus zu diesem Thema geben dürfe. Immerhin! Will heißen: Der erste Artikel meint, das Thema könne gerne weiter in abseitigen Internetforen und -blogs (wie unserem) weiter diskutiert werden - aber bitteschön nicht in den großen Medien. Oder gar in Parteien, Verbänden und so weiter. Nun, hier wird offenbar nur das Faktum anerkannt, daß man eine Diskussion im Internet sowieso schwer verhindern kann! :) 

Aber auch gegen diese Nonchalance stellt sich der antwortende Artikel, der meint, das Thema müsse auch in den großen Medien offen behandelt werden (4).

An inhaltlichen Sachargumenten gibt es - soweit wir das übersehen - kaum neue, deshalb soll an dieser Stelle auf diese Erörterungen nur hingewiesen werden, ohne daß wir uns hier zunächst mit weiteren Einzelheiten befassen wollen. Das haben wir an früherer Stelle schon genügend getan hier auf dem Blog. (Etwa 2010 rund um die Debatte um das Buch von Thilo Sarrazin "Deutschland schafft sich ab".)

Als auffällig sei noch vermerkt, daß - soweit übersehbar - dies der erste deutschsprachige Blog ist, der auf diese Erörterungen in den USA überhaupt hinweist, von anderen deutschsprachigen Medien ganz abgesehen. Und das, obwohl es doch auch in Deutschland viele Sympathisanten von Sam Harris in der kirchenfreien Szene gibt. Als auffällig sei weiterhin vermerkt, daß die ganzen deutschen Rechtskonservativen rund um Pegida, Identitäre Bewegung und AfD natürlich hochgradig wichtigere Dinge zu tun haben, als sich mit solchen grundlegenden Verschiebungen im Welt- und Menschenbild überhaupt zu befassen. Dort möchte man die Menschen - offenbar - lieber dumm lassen, damit man "später" dann um so besser als Rechtspopulist naturalistische Fehlschlüsse predigen kann. Ohne Frage.

Denn der Autor dieser Zeilen weiß aus verschiedenen Äußerungen, die er selbst gehört hat oder die ihm mitgeteilt wurden, daß den führenden Politikern der AfD bekannt ist, daß das naturwissenschaftsnahe Argument das stärkste Argument in der politischen Debatte ist. Es gibt da ganz klar irgendwelche Hintergrund-Stichwortgeber, die diesen Politikern "beratend" zuraunen, daß das Argument zwar vorhanden ist und grundsätzlich benutzt werden kann, daß man es aber - vorerst - (aus welchen taktischen Gründen auch immer) noch nicht benutzen dürfe. Es wird das erkennbar am Denken, Handeln und an (vereinzelten) Äußerungen von solchen Politikern und Politikberatern wie Björn Höcke, Alexander Gauland oder Michael Klonovsky. Daß ein solches Bewußtsein und Denken zum Beispiel besonders prägnant bei Hans-Thomas Tillschneider (geb. 1978) vorliegt, ist uns von dritter Seite, von Seiten eines Leser dieses Blogs, sehr eindrucksvoll übermittelt worden. Wir wissen: Hans-Thomas Tillschneider ist sich der Kraft des naturwissenschaftsnahen Argumentes bewußt. Und benutzt es ganz bewußt nicht.

Da nun bei dem vielen Taktieren des Führungspersonals der AfD auch sonst allzu deutlich durchscheint, daß hier viele gruppenevolutionäre Strategien verfolgt werden - - - nur keine deutschen - ist es nur zwangsläufig, daß dies auch und insbesondere bezüglich des Umgangs mit dem naturwissenschaftsnahen Menschen- und Völkerbild so geschieht. Es könnte ja Völker retten. Und wer will das schon.

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  1. DiGravio, Will: Students Protest Lecture By Dr. Charles Murray at Middlebury, 2.3.2017, https://www.youtube.com/watch?v=a6EASuhefeI
  2. Harris, Sam: Waking Up With Sam Harris #73 - Forbidden Knowledge (with Charles Murray). 23.4.2017, https://www.youtube.com/watch?v=Y1lEPQYQk8s
  3. McWorter, John: Stop Obsessing Over Race and IQ - It serves no purpose. In: National Review, 10.7.2017, http://www.nationalreview.com/article/449208/race-iq-debate-serves-no-purpose
  4. Anomaly, Jonathan; Boutwell, Brian: A Reply to John McWhorter - We shouldn’t obsess about race and IQ, but we should openly discuss it. In: National Review, 12. Juli 2017, http://www.nationalreview.com/article/449388/race-iq-dont-obsess-over-it-do-discuss-it
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